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Kinder sind wie ein Spiegel

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Foto von pawpaw67

Wir alle kennen den Satz: „Kinder sind wie ein Spiegel“. Als ich noch keine Mutter war, dachte ich immer damit sei gemeint, dass sich Kinder wie wir verhalten würden und uns dadurch unsere eigenen Verhaltensweisen bewusst machen. Heute wird mir eine ganz andere Ebene dieses Satzes klar.

Wenn ich beobachte, wie meine Tochter Dinge lernt und in welchem Tempo sie sich körperlich und sprachlich entwickelt, dann passiert das nicht ohne Bewertung. Auch wenn ich es mir immer gewünscht habe mein Kind nicht zu vergleichen, muss ich zugeben, dass ich es manchmal tue: „Aha, dieser Junge kann ja schon krabbeln“. Oder: Gedanken wie „Die braucht nicht mehr die Brust…Der läuft schon ganz alleine…Die isst ja viel mehr als meine Kleine“ schießen mir durch den Kopf. In jedem dieser Gedanken steckt entweder ein Zweifel ob mit meinem Kind alles in Ordnung ist oder eine Ungeduld mit ihrem Fortschritt. Macht doch nichts? Ist doch normal? Natürlich geht die Welt davon nicht unter, aber ich merke, dass ich ein Thema auf mein Kind projiziere, das auch in mir nicht gelöst ist.

Warum bin ich so gestresst und wünsche mir heimlich, dass mein Kind schneller Laufen lernt, schneller selbständiger wird? Weil ich es mir selber auch nicht erlaube, langsamer zu sein. Weil ich mich selber stresse, Dinge schneller lernen zu müssen. Weil ich glaube, kreativer, erfolgreicher, liebenswürdiger, attraktiver sein zu müssen als ich bin. Ja, manchmal bin ich wirklich nicht in Frieden damit, wie ich bin und an welchem Punkt ich im Leben bin. Und solange ich so mit mir selber umgehe, strahle ich das auch auf mein Kind aus. Und diesen Zweifel, diesen Druck spürt es.
Das Leben hat mir ein Kind geschenkt, das diese heimlichen Erwartungen nicht erfüllt: es liebt die Milch und trinkt gerne und viel. Es lässt sich ganz viel Zeit, mit allem was es lernt. Es lässt sich nicht von meinem Wunsch beeinflussen, dass der Teller leer wird: es lässt sich Zeit. Und macht alles mit Ruhe.

Heute durfte ich in einer Montessori-Gruppe einen Jungen beobachten, der immer wieder auf eine kleine Treppe kletterte und sie runterstieg. Bestimmt 10-15 mal. Ich war beeindruckt. Die Pädagogin sagte daraufhin, dass Kinder ganz langsam und behutsam neue Dinge ausprobieren. Jedesmal trauen sie sich ein Stückchen weiter, ein Stückchen mehr. Solange sie aus einer inneren Motivation in einem Zustand der Entspannung lernen, wird das Gelernte fest integriert und dient beim nächsten Mal als Ausgangspunkt. Ganz anders ist es der Fall, wenn das Kind eine Erwartung von Außen spürt oder sogar in seinem Tun unterbrochen und verbessert wird. In diesem Moment manipuliert der Druck die Lernerfahrung und das Kind lernt nicht aus eigenem Antrieb, das Gelernte wird sich nicht langfristig integrieren.

Und dann schaue ich meine Kleine an und muss schmunzeln: hier spiegelt sie zurück, was ich lernen darf. Durch sie, mit ihr. Ich bin mit Erwartungen und Lerndruck aufgewachsen. Heute fällt es mir schwer, mir selber Zeit zu lassen. Wie dankbar bin ich für dieses kleine Wesen, das mich jeden Tag daran erinnert, mir ganz viel Zeit zu lassen. Meinen Lebensweg in meinem eigenen Tempo in Gelassenheit zu beschreiten. Mich nicht von Außen und Innen unter Druck zu setzen, sondern auf mein eigenes Tempo zu vertrauen: es hat seine Berechtigung und wird Früchte tragen. Danke mein liebes Kind, dass du mich an all das erinnerst und mir beibringst, auch mit dir in Vertrauen und Gelassenheit zu leben.

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